Bevor der Schnee kam
THW-Helfer Rudolf Hattenkofer plante und baute in Pakistan an einem Feldhospital mit. Am Abend war die Stimmung seltsam. Es kam starker Wind auf, es wurde schnell dunkel. Über Nacht brach der Winter über Pakistan herein. Da kamen keine kleinen federleichten Flöckchen vom Himmel, vielmehr brachte schwerer Schnee die Unterkunftszelte zum Einstürzen. Das ist es auch, was die Menschen im pakistanischen Erdbebengebiet so fürchten: zwar die bebende Erde überlebt zu haben, den Winter aber nicht heil zu überstehen. Bis jetzt hat der Winter glücklicherweise nur ein kurzes Intermezzo eingelegt.

In einem der Unterkunfszelte schlief der Landshuter Rudolf Hattenkofer. Einen Monat lang war der Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) in Pakistan, um dort humanitäre Hilfe zu leisten. Es war nicht sein erster Auslandseinsatz für das THW. Bereits in der LZ-Weihnachtsausgabe 2004 berichteten wir darüber, dass das THW-Mitglied im afrikanischen Tschad Landebahnen erkundete. Und wenige Tage danach flog er auf die vom Tsunami beschädigten Malediven. Nun wurde er nach Pakistan gerufen. Bei seinem jetzigen Einsatz war Hattenkofer an die Johanniter ausgeliehen, die in der Stadt Batal ein Feldhospital bauen sollten. Das ländlich geprägte Batal ist auf einer Hochebene und ziemlich nah am Epizentrum des Erdbebens. Der Stadtkern liegt in Trümmern, und auch das Krankenhaus war bei dem Erdbeben im Oktober zerstört worden. In dem provisorischen Lazarett der Johanniter sollen pro Tag ungefähr 200 Patienten versorgt werden. Schlamm, nichts als Schlamm. Als Rudolf Hattenkofer in Batal ankam, fand er lediglich eine ebene Fläche vor. Strom und Wasser gab es, sonst aber nichts. Mit einfachsten Mitteln und bis zu 50 Helfern baute er auf dem Gelände in den vergangenen Wochen ein Feldlazarett. Die Container dafür wurden aus Deutschland angeliefert, alles andere besorgte er sich vor Ort - bis hin zu einem Autokran, der einen halben Tag Anreise hatte. Es habe großen Spaß gemacht, an dem Hospital zu arbeiten, sagt Hattenkofer; vor allem deshalb, weil die Arbeiter unglaublich motiviert gewesen seien.

Sie schaufelten tagelang Kies, bis der Kampf gegen den Schlamm gewonnen war, bauten die Wasser- und Stromversorgung auf und gruben Fundamente ein. Hattenkofer sah es auch als seine Aufgabe an, den Einheimischen etwas beizubringen. Und die nahmen es dankbar an, lernen zu dürfen. Auch der freiberufliche Baumeister hat bei seinem Einsatz bautechnisch einiges gelernt, wie er sagt; bis hin zur Tatsache, dass man auf der Toilette nicht nach Mekka blicken darf. "Das war ein schwerer Planungsfehler", sagt er: und plante kurzerhand um. Hattenkofer wies aber nicht nur die Arbeiter an, er arbeitete auch Hand in Hand mit den Arztteams der Johanniter. Und wurde dabei so etwas wie eine Aushilfskrankenschwester. Er hielt Infusionen, baute Krücken und half mit seinem Taschenmesser, eine Frau von ihrem Gips zu befreien; eine Gipssäge gab es nicht. Die Ärzte und Rettungssanitäter der Johanniter versorgten Erdbebenopfer ebenso wie Kinder mit Durchfall- und Erkältungskrankheiten, aber auch Schwerverletzte durch Zeltbrände. Immer wieder passiere es, dass durch Öfen Zelte abbrennen, sagt Hattenkofer: In zwei Wochen erlebte er drei brennende Zelte mit acht Toten. Meist seien es "die Ärmsten der Armen". Hattenkofer war stets dabei. Es war auch eine Belastungsprobe für ihn, denn als Landshuter THW-Helfer hat man eher selten mit solchen Katastrophen zu tun. Und: Er hat sie gut überstanden.

Während seines Aufenthalts hatte Hattenkofer die Gelegenheit, Land und Leute näher kennen zu lernen ("eine superschöne Landschaft und sehr freundliche Menschen"). So flog er mit der Bundeswehr in Bergregionen, die nur mit dem Hubschrauber zugänglich sind. Er sei sehr überrascht gewesen, in welch unwirtlichen Gegenden Häuser stünden, sagt er und zeigt unzählige Fotos, auf denen selbst auf den steilsten Bergkämmen noch Häuser beziehungsweise die Überreste davon stehen. Er kam ins Gespräch mit Pakistanis und wurde von ihnen zum Tee in ihr Zelt eingeladen. Dort machte er eine unglaubliche Erfahrung: "Die Bevölkerung ist Feuer und Flamme für die Deutschen", sagt er: "Wir sind dort sehr angesehen." Drei Millionen Menschen in Pakistan leben momentan in Trümmern beziehungsweise Zelten; selbst wenn ihre Häuser von dem Erdbeben verschont wurden, darin zu wohnen traut sich momentan niemand. Alle haben Angst vor Nachbeben. Begründete Angst, wie auch Hattenkofer zu spüren bekam. Wenige Tage vor seinem Abflug gab es ein Erdbeben der Stärke 6,8. Die Einwohner blicken in eine unsichere Zukunft. Sie warten quasi täglich auf den Wintereinbruch; bisher sind sie wie durch eine glückliche Fügung verschont geblieben. Aber der Winter wird kommen? Deshalb, so sagt Rudolf Hattenkofer, seien die großen Hilfsorganisationen noch immer auf Spenden angewiesen.

Er selbst ist mit all seinen Eindrücken vor gut einer Woche nach Landshut zurückgekehrt; das Feldlazarett ist fertig, es wurde vorgestern eingeweiht. Rudolf Hattenkofer feiert nun erstmal mit seiner Familie "ganz traditionell" Weihnachten. Der Landshuter könnte sich aber durchaus vorstellen, in einigen Jahren nach Pakistan zurückzukehren. Die Menschen dort seien unheimlich schlau, nur einfach schlecht ausgebildet, sagt der Baumeister. Sie handwerklich fortzubilden, damit sie im Leben eine Chance hätten, "das wäre richtig gute Entwicklungsarbeit". Sigrid Hagl

Bericht: Landshuter Zeitung 24.12.2005
Bilder: Rudolf Hattenkofer