Sie halfen nach dem Tsunami und dem Hurrikan "Katrina"
Sie halfen nach dem Tsunami und dem Hurrikan "Katrina", nun arbeiten sie im Erdbebengebiet in Pakistan: Das Technische Hilfswerk ist zur schnellen Eingreiftruppe der Republik geworden.  Endlich rattern die Rotoren, der Helikopter hebt ab. Hier oben, zwischen den bewaldeten Hügeln Kaschmirs, weht die Luft frisch und kühl durch die offenen Luken. Der Geruch des Todes dringt nicht herauf.

Ein Fluss sucht sich seinen Weg zwischen steilen Hängen, erster Schnee bedeckt die Gipfel. Und dazwischen liegen Dörfer, von denen kaum noch mehr steht als die Grundmauern

Die sechs Männer an Bord des Bundeswehr-Hubschraubers sind jetzt seit fast zwei Tagen wach und tragen ebenso lange ihre blaue Uniform mit der Aufschrift "Technisches Hilfswerk". Nur kurz haben einige am Militärflughafen bei Islamabad, Pakistan, einnicken können, an ihre Rucksäcke gelehnt. In den Bergen warten die Erdbebenopfer, was dort neben Decken und Zelten vor allem fehlt, ist sauberes Wasser. Die Deutschen haben Material für riesige Becken dabei, in denen sie verseuchte Brühe reinigen können

Dass vieles bisher schief gegangen ist, dass sie etwa erst einen Tag später als geplant abfliegen konnten, hat sie verärgert. Sie haben keine Zeit. In Pakistan seien über drei Millionen Menschen bedroht, sollte nicht vor Einbruch des Winters schnelle Hilfe kommen, warnte Uno-Generalsekretär Kofi Annan am Mittwoch in Genf.

Für die meisten der zurzeit etwa ein Dutzend deutschen Helfer im Erdbebengebiet ist es der zweite oder dritte Katastrophen-Einsatz im Ausland binnen zwölf Monaten. Vor allem nach dem Tsunami in Südostasien haben sie geholfen, dann nach dem Hurrikan "Katrina" in New Orleans. Und vor drei Wochen schließlich bebte die Erde in Pakistan, vermutlich starben dort mehr als 54 000 Menschen.

Es ist ein hartes Jahr für die Helfer vom Technischen Hilfswerk (THW). Denn die Deutschen mit ihren besonderen Fähigkeiten und ihren immer einsatzklaren Geräten sind inzwischen weltweit begehrt. So hat sich das THW mit seinen 77 000 Mitgliedern zu einer Art Freiwilligen Weltfeuerwehr entwickelt, stets abrufbar, stets reisebereit. Allein seit Anfang 2004 halfen die blauen Engel, die auch für den Katastrophenschutz in Deutschland zuständig sind, in

22 Ländern. In Afghanistan beispielsweise bauten sie Polizeistationen auf, im Irak halfen sie, die Wasserversorgung um Bagdad zu sichern, in Somalia erneuerten sie Straßen.

Die THW-Leute sind nicht nur Deutschlands schnelle Eingreiftruppe, sie sind auch ein Werkzeug der Diplomatie geworden: Wenn die Republik Hilfsbereitschaft demonstrieren will, schickt das Bundesinnenministerium eben sein THW. Bezahlt werden Aktionen wie jene in Pakistan jedoch vom Auswärtigen Amt, und allein das zeigt, wie sehr es auch um Gesten geht und um internationale Politik.

Die Karriere der lange als etwas verschlafen geltenden Truppe habe nicht zuletzt "mit der neuen Rolle Deutschlands in der Welt zu tun", sagt THW-Präsident Georg Thiel. Er glaubt, dass seine Organisation wichtig sei für den Ruf der Republik: "Wir vermitteln: Deutschland hilft."

In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Auslandseinsätze denn auch stark zugenommen. Auf fast allen Kontinenten retteten die Deutschen, was nach Sturmfluten, Erdbeben oder Kriegen noch zu retten war. Demnächst sollen neue Einheiten zur Wasseraufbereitung aufgebaut werden, um den vielen Notrufen gerecht zu werden.

Die sogenannten Search-and-Rescue-Teams des THW, die bei Katastrophen schnell Verletzte retten müssen, sind binnen sechs Stunden abflugbereit. Der Notruf aus Berlin erreicht die freiwilligen Helfer im ganzen Bundesgebiet meist per SMS, Rucksäcke stehen stets gepackt daheim, und Tonnen von Hilfsgerät - Schaufeln, Betonsägen, Zelte - lagern jederzeit transportklar in Metallkisten an mehreren deutschen Flughäfen. So konnte das THW in Pakistan noch vier Tage nach dem Beben in Muzaffarabad eine Frau lebend aus den Trümmern bergen - ein imageträchtiger Erfolg der Deutschen, der weltweit Schlagzeilen machte.

Auch in Balakot werden die Helfer durch ihre Arbeit wohl Leben retten. Ihre Wasseraufbereitungsanlage soll den zerstörten Ort versorgen. Dort steht kaum noch ein Haus. Bei den wenigen Gebäuden, die zunächst unversehrt erscheinen, offenbart ein zweiter Blick, dass sie einfach zusammengesackt sind und das Erdgeschoss unter sich begraben haben. Vermutlich haben die Trümmer Hunderte, wenn nicht Tausende verschüttet, und noch mehr wurden durch das Beben obdachlos. Nun drohen Seuchen.

Kein leichter Job für Einsatzleiter Heinz Rettlinger. Dabei sind seine Männer allesamt Freiwillige, im Zivilberuf Zollbeamte, Postler, Lageristen oder Biochemiker. Doch der besondere Kick solcher Operationen sorgt für zusätzliche Motivation. "Das ist natürlich was anderes, als zu Hause die Keller leer zu pumpen", sagt Florian Weber von der THW-Zentrale in Bonn. "Da ist die Aufmerksamkeit einfach größer."

Katastrophen steigern jedes Mal das Interesse an der Mitarbeit. Nach Erdbeben etwa melden sich regelmäßig Architekten, die beim Wiederaufbau zerstörter Städte mithelfen wollen. "Seit Jahresbeginn ist die Zahl der Mitglieder um 1500 gestiegen", so THW-Chef Thiel.


Auch das Gefühl, als Botschafter der Bundesrepublik unterwegs zu sein, scheint den Männern zu gefallen. Beim Einsatz im überfluteten New Orleans - bei dem gewaltige THW-Pumpen auf Bitten der US-Regierung halfen, die Stadt trockenzulegen - meldete sich ein Team am Telefon schon mal mit den Worten:

"German Government" - Bundesregierung.

Heinz Rettlinger kennt das Gefühl, auch im Dienst der Politik auf Reisen zu sein. So half er in den vergangenen Jahren etwa nach einem Vulkanausbruch in Afrika oder nach einem Beben in Indien. Dann erkrankte er schwer, letztes Jahr besiegte er seinen Darmkrebs - und kaum dass er halbwegs genesen war, ließ er sich wieder Tropenfähigkeit für künftige Einsätze bescheinigen.

Rettlinger ist buchstäblich beim THW groß geworden. Sein Elternhaus steht neben dem THW-Quartier seines fränkischen Heimatortes. Sein Vater gehört seit 50 Jahren dazu. Sieben seiner neun Brüder engagieren sich dort. Seine Kinder sind im THW. Seine Nichten und Neffen auch.

Alle sind Freiwillige, denn das THW ist zwar eine Behörde, die meisten Helfer aber sind Ehrenamtliche. Viele haben sich für sechs, früher für zehn Jahre verpflichtet, um dem Wehrdienst zu entgehen, und blieben dann dabei.

Sie trainieren in ihrer Freizeit und treffen sich einmal die Woche. Sie sind ein bisschen Rotes Kreuz, ein bisschen Pfadfinder-Trupp. Sie lieben das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, aber auch die Gemeinschaft, den Verein.

Die meisten haben einen Job, und das THW-Helferrechts-Gesetz verpflichtet ihre Arbeitgeber, sie sofort für Einsätze freizustellen, der Bund erstattet die Kosten. Karsten Herzberger, der nun in Pakistan war und sonst im Bundespresseamt arbeitet, berichtet, dass man manchen Arbeitgeber dennoch überzeugen müsse. "Wenn es bei Ihnen brennt, wollen Sie doch auch nicht, dass jeder Helfer erst eine Genehmigung einholen muss", belehrte er jüngst den unwilligen Chef eines THW-Kollegen.

Copyright: Der Spiegel

Bericht: DER SPIEGEL 44/2005
Bilder: THW