"Da sagt man nicht ab"
Einsatz im Tsunami-Gebiet: THW-Mitglied Rudolf Hattenkofer war auf den Malediven. Kannst Du morgen auf die Malediven fliegen?" ist Rudolf Hattenkofer am 29. Dezember vergangenen Jahres am Telefon gefragt worden. Der Anruf kam aus Bonn, von der THW-Zentrale. Der verheerende Tsunami in Südostasien lag gerade einmal drei Tage zurück, und das Technische Hilfswerk war dabei, ein Hilfsteam zu formieren. Rudolf Hattenkofer vom Landshuter THW-Ortsverband sollte als stellvertretender Einsatzleiter fungieren. Er sagte noch am Telefon zu: Auch wenn er perplex gewesen sei, habe es für ihn kein Überlegen gegeben. "Da sagt man nicht ab." Die Familie trug seine Entscheidung mit - einen Tag später saß er im Flugzeug. Sechs Wochen ist das nun her, am Valentinstag ist Hattenkofer von seinem Katastropheneinsatz zurückgekehrt. In der THW-Unterkunft berichtete er im LZ-Gespräch von 20-Stunden-Tagen, von vollständig zerstörten Inseln, aber auch von der "supernetten Bevölkerung". Er sitzt am Schreibtisch des Ortsbeauftragten, dreht und wendet eine Kokosnuss in den Händen, die braungebrannt unter seinem dunklen Pullover hervorschauen. Um den Hals hat er einen Schal gewickelt. Den Temperaturunterschied von rund 35 Grad scheint er ganz gut überstanden zu haben. Wie auch die vielfältigen Eindrücke aus dem Krisengebiet. Die Malediven wurden durch die Flutkatastrophe zwar weit weniger zerstört als beispielsweise Sri Lanka oder Indonesien. Aber auch dort habe es "unsägliches Leid" gegeben, sagt Hattenkofer. Das Problem: Der Tsunami kam mit der einsetzenden Trockenzeit und riss alle Regenwasservorräte mit sich. Es gab kein Trinkwasser mehr, Seuchen drohten. Deshalb wurde am 30. Dezember das 24-köpfige THW-Team entsandt. Mit im Reisegepäck hatte es vier Umkehr-Osmoseanlagen. Damit lässt sich Meerwasser in Trinkwasser umwandeln, sagt THW-Projektingenieur Rudolf Hattenkofer. Bis zu 500 Liter in der Stunde kann jede davon produzieren. Das THW war die erste Hilfsorganisation, die auf den Malediven ankam. "Wir machen seit 1954 Auslandsarbeit", erklärt Hattenkofer die Frage, wieso gerade das THW so schnell vor Ort war. Zu diesem Zeitpunkt, wenige Tage nach der verheerenden Flut, waren viele Inseln noch völlig von der Außenwelt abgeschieden. Niemand wusste, wie es um die Bewohner stand. Deshalb erkundete das THW-Team in den ersten Tagen im Auftrag der örtlichen Behörden diese Inseln. Aufgrund der Ergebnisse legte die Regierung dann die Einsatz atolle fest.

Das deutsche Team war auf drei Atollen tätig, von denen jedes wieder aus unzähligen Inseln besteht. Knapp 1200 Inseln gehören zu den Malediven, davon sind etwa 200 von Einheimischen und 88 von Touristen bewohnt; rund 65 wurden vom Tsunami verwüstet. Wie Hattenkofer sagt, seien die völlig zerstörten Inseln "abgesiedelt" worden: Bagger hätten die Reste der Dörfer ins Meer geschoben, die Bewohner hätten auf anderen Inseln eine neue Heimat gefunden.

"Horrorbilder" wie der Anblick von Leichen sind ihm erspart geblieben: Im Vergleich zu Sri Lanka seien die Malediven ein relativ angenehmes Einsatzland gewesen. Als das deutsche Team ankam, waren die Bewohner bereits mit dem Aufräumen und Wiederaufbau beschäftigt. Allerdings sei die Zerstörung allgegenwärtig gewesen, sagt Hattenkofer. Trotzdem spürte er bei der Bevölkerung eine gewisse Zuversicht: Sie seien guten Mutes, blickten nach vorne, packten an.

In den ersten Wochen haben die THW-Helfer nahezu Tag und Nacht gearbeitet. 20-Stunden-Tage waren keine Seltenheit. Sie haben Wasser produziert, in Plastikflaschen abgefüllt und per Boot oder Lastwagen ausgefahren. "Es war hart an der Grenze dessen, was man leisten kann." Vorangetrieben hat die Deutschen bei ihrem Tun die gute Zusammenarbeit mit der Regierung und mit den Einheimischen. Grundehrlich seien die Bewohner, sagt er. Und unkompliziert. "Da kann es schon mal passieren, dass ein Minister mit dem Mofa an dir vorbeifährt." Auf diese Art und Weise ist Hattenkofer auch zu einem Treffen mit Außenminister Joschka Fischer gekommen: Die maledivischen Minister nahmen ihn einfach in der Staatsyacht mit - und sie lobten das THW-Team derart, "dass wir ganz rot geworden sind". Es sollte aber nicht der einzige prominente Besuch sein: Auch UN-Generalsekretär Kofi Annan besuchte das deutsche Team: "You are doing a great job", lobte er. Besonderen Eindruck hat bei Rudolf Hattenkofer, der in Landshut die Bergungstauchgruppe aufgebaut hat, der Tauchpionier Hans Hass hinterlassen. Auch wenn ob der vielen Arbeit nicht viel Freizeit blieb, hat Hattenkofer Land und Leute sowie ihr Leben kennengelernt - er war auf Bootsbauinseln, Fischfanginseln, Gemüseinseln, Touristeninseln. Und er hat wie die Einheimischen Kokosnüsse en masse getrunken und gegessen. "Zwei bis vier am Tag", sagt er. Auf den Malediven konnte niemand verstehen, dass es in Deutschland keine Kokosnüsse gibt. Dort kommt kaum ein Lebensbereich ohne die Nuss und ihre Palme aus. So werden aus den Stämmen Boote gebaut und mit den Blättern Häuser gedeckt. In anderen Dingen dagegen unterscheiden sich die Inseln und Deutschland trotz der tausende Kilometer Entfernung kaum: "Es spielen alle Fußball." Auf jeder bewohnten Insel gebe es auch einen Fußballplatz.

Oftmals werde er gefragt, wie man denn den Leuten am meisten helfen könne. "Hinfliegen und Urlaub machen", antwortet er dann. Er selbst hat vorläufig alle weiteren Auslandseinsätze abgelehnt. Am 14. Februar ist Hattenkofer nach Deutschland und zu seiner Familie zurückgekehrt. Der THW-Einsatz ist zu Ende, die Hilfe indessen geht weiter: Die Wasseraufbereitungsanlagen blieben vor Ort, Einheimische haben gelernt, sie zu bedienen. Denn die Trockenzeit dauert noch bis April.

Sigrid Hagl

Bericht: Landshuter Zeitung 23.02.2005 und Kötztinger Zeitung 23.02.2005
Bilder: THW